Biß vom 20. Mai 2009

Das Unglück ist,
daß jeder denkt,
der andere ist wie er.
Und dabei übersieht,
daß es auch noch anständige Menschen gibt.

Heinrich Zille

Beim Durchblättern meines Terminbuches von 2002 fand ich heute diesen Spruch. Die Vielfalt seiner kommentierten Zeichnungen kennzeichnet ihn als scharfen und sozialkritischen Beobachter.

Es mag anstrengend sein, das Gute von anderen Menschen zu erwarten und dabei oft enttäuscht zu werden. Doch es frißt an der eigenen Gesundheit, anderen die Bosheit zu unterstellen, die man selbst hat.

Irgendwann war ich dieses Spieles überdrüssig. Selbstschutz und Selbstliebe veranlaßten mich, meinen eigenen Wert anzuerkennen und anderen Gleichartiges und noch mehr Wertvolles zugutezuhalten. Es ist vergleichsweise harmlos, als arrogant oder eingebildet angesehen zu sein. Wer solche Unterstellungen gewohnheitsmäßig ausspricht, ist mit sich selbst gestraft genug.

Gespalten war die bürgerliche Gesesellschaft auch zur Zeit Zilles schon. Die einen gingen bei Prostituierten ein und aus, die anderen sorgten für die Zerstörung von Zilles Druckplatten, weil er Huren und Pornographie zum Gegenstand der Kunst erhob. Die feinen Leute bevorzugen noch heute das Tabuisieren der Lebensbereiche, die als privat und diskret angesehen sind.

Aus welcher Ecke kommen wohl die Ängste vor dem Ertapptwerden und das Getöse in Deutschland um Google streetview? Darüber machte ich mir heute Gedanken als honorierter Blogger, was eben keine brotlose Kunst ist, sondern gefordertes und geschätztes Material aus Worten und Bildern.

Hans Kolpa
Biß der Woche

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