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Erfolgreiche Trauerarbeit

Erinnerungshilfen für Psychoberater und Klienten

"Die Arbeit zeugt von großer Sachkenntnis und besticht durch das gute Einfühlungsvermögen in die Situation der Betroffenen. Die Verankerung in Empirie und der theoretischen Entwicklung gefällt.  ... eine gefällige Arbeit, die Beachtung verdient."   


Sind Sie Psychoberater? Diese Erinnerungshilfe unterstützt Ihre Vorbereitung eines Erstgespräches mit einem Klienten. Sind Sie ein Trauernder? Akute Trauer beansprucht viel Energie. Diese Erinnerungshilfe zum Ordnen Ihres Gefühlslebens minimiert Ihren Aufwand, Ihre Trauerarbeit zu bewältigen. Darüberhinaus führt diese Erinnerungshilfe Sie beide zusammen. Sie entscheiden über Ihre Trauer. Ihr Berater begleitet Sie in ihrer Trauer.

Verfasser:  Hans-Georg Kolpak, Psychoberater und Autor

"Vieles, was man sagen könnte, wird nicht ausgesprochen.
Vieles, was ausgesprochen wird, trifft nicht zu,
und dies, obwohl die Konsistenz der Theorie es erfordert,
obwohl der Autor danach verlangt und der Leser es schätzen würde, ...
Drittens: Das Wenige, was zutrifft, ist meistens weder neu noch wissenswert."
aus Vukovich, 1974, Seite 171f


Bewertung dieser Abschlußarbeit mit der Note sehr gut (-) durch den Dozenten und Diplom-Psychologen Hans-Wilhelm Becker am 27.12.1998:

"Die Arbeit zeugt von großer Sachkenntnis und besticht durch das gute Einfühlungsvermögen in die Situation der Betroffenen. Die Verankerung in Empirie und der theoretischen Entwicklung gefällt.

Formal gesehen scheint die Arbeit etwas übergliedert. Manchmal verwenden Sie unter einem Unterpunkt lediglich einen Satz. Hier hätten Sie mehr komprimieren müssen oder aber ausführlicher sein müssen.

Unterm Strich bleibt aber eine gefällige Arbeit, die Beachtung verdient."  


Die Sterne sind die Hyperlinks zum Inhalt

1.Perspektiven für Psychoberater
1.1 Trauer
1.2 Trauerarbeit
1.3 Ihre Position
Möglichkeiten
Grenzen
Ziele
2.Symptome von Trauernden
2.1 Erste Reaktionen
2.2 Akute Trauer
2.3 Späte Reaktionen
3.Die Trauerarbeit gestalten
3.1 Reden
3.2 Schreiben
3.3 Weinen
3.4 Schuldgefühle
3.5 Zorn
4.Die Trauerarbeit bewältigen
4.1 Freunde
4.2 Gesundheit
4.3 Entscheidungen
4.4 Geduld
4.5 Drogen
4.6 Alltagsleben
4.7 Furcht
4.8 Sorge
5.Trauernden Erwachsenen helfen
5.1 Zuhören
5.2 Motivieren

5.3 Verfügungsbereitschaft *
5.4 Initiative *
5.5 Gastfreundschaft *
5.6 Briefe * 6.Trauernden Kindern helfen * 6.1 Erklärungen *
6.2 Bestattungen, Trauerfeiern *
6.3 Anteilnahme * 7.Fallgruben umgehen *

7.1 Gemiedene Trauernde *
7.2 Behinderte Trauerarbeit *
7.3 Manipulierte Entscheidungen *
7.4 Ersatzangebote *
7.5 Ignoranz Verstorbener *
7.6 Bewertungen *
7.7 Vorgaukeltes Verständnis *
8.Trauerarbeit im sozialen Umfeld *

Bibliographie *


1. Perspektiven für Psychoberater

Sind Sie Psychoberater? Diese Erinnerungshilfe unterstützt Ihre Vorbereitung eines Erstgespräches mit einem Klienten. Sind Sie ein Trauernder? Akute Trauer beansprucht viel Energie. Diese Erinnerungshilfe zum Ordnen Ihres Gefühlslebens minimiert Ihren Aufwand, Ihre Trauerarbeit zu bewältigen. Darüberhinaus führt diese Erinnerungshilfe Sie beide zusammen. Sie entscheiden über Ihre Trauer. Ihr Berater begleitet Sie in ihrer Trauer.

Unterschiedliche kulturelle und religiöse Einflüsse lassen Menschen auf ebenso unterschiedliche Weise trauern. Das Auftrennen in Tod und Leben empfinden zwar viele als gegeben und doch bäumt sich ihr Inneres dagegen auf, als sei es etwas "nicht natürliches" oder "nicht geplantes". Der Tod eines Menschen ist "tragisch". Die einfache Frage "Warum?" reflektiert dies hinreichend. Zudem gibt es Personen, die ihren Emotionen freien Lauf lassen und andere, die nicht gelernt haben, diesen Ausdruck zu verleihen. Dazwischen beobachten wir ein breites Spektrum individueller Unterschiede.

Nur ein Teil von Hinterbliebenen benötigt professionelle Hilfe von Psychotherapeuten oder Psychoberatern. Die meisten überlassen sich erfolgreich dem gegebenen Angebot ihres sozialen Umfeldes ohne ihre Situation mit dem Ziel zu analysieren, Trauerarbeit im wissenschaftlichen Sinn zu leisten. Doch das ist nur eine äußerliche Sichtweise, weil der Trauernde aufgrund seiner traumatischen Situation seinen Beratungs- oder Therapiebedarf nicht immer erkennt. Eine Verschleppung notwendiger Interventionen durch Vorurteile oder Ängste motiviert etliche Trauernde zeitlich verzögert, eine Psychoberatung zu nutzen.

Als Psychoberater profitieren Sie von der wissenschaftlichen Forschung, die Psychologen geleistet haben und Sie bleiben auch abhängig von ihr, solange Sie unterstützend im wissenschaftlich orientierten Umfeld der Psychologen arbeiten. Daher erachte ich es als legitim, auf ihr aufzubauen und mich zum Beispiel auf den "Leitfaden zur Trauertherapie und Trauerberatung" zu berufen, im folgenden LTT genannt. Verfasser sind Ralf Jerneizig, Arnold Langenmayr und Ulrich Schubert, 2. Auflage, 1994.

Ich zitiere auch deshalb aus LTT, weil vorliegende Erinnerungshilfe für Psychoberater und für Klienten keine umfassende gründliche Darstellung sein kann. Diese kurzgefaßte Erinnerungshilfe für den Beratungsalltag unterstützt Ihre Vorbereitung auf das Gespräch mit einem Trauernden. Grundlagenwissen haben Sie in Ihrer Ausbildung erworben. Spezialwissen finden Sie in Fachbüchern wie LTT, das aus dem Arbeitszusammenhang der Trauerberatungsstelle der Universität Essen entstand oder aus dem Buch "Beratung und Therapie in Trauerfällen" von Worden.

Ab Kapitel 2 lesen Sie in der "Ichform" in der zeitlichen Gegenwart als Vorlage zum unmittelbaren Zugang in die Gedankenwelt Ihrer Klienten bzw. als Vorlage für Ihre veränderte Denkweise im Laufe Ihrer Trauerarbeit.

Wenige Tage nach dem Tod der Bezugsperson können Sie einem potentiellen Klienten bereits menschliche Wärme und Nähe bieten. Zu einer umfassenden Begleitung der Trauerarbeit kommt es im allgemeinen erst einige Zeit nach dem erlittenen Verlust. Dann sind Sie gefordert, den Trauerprozeß einzuleiten und zu begleiten. Sind Sie dieser Aufgabe gewachsen? "Als wesentliche qualifizierende Voraussetzungen für die Beratung und Therapie Trauernder beschreibt sie (nämlich die Psychiaterin Beverly Raphael, 1975) schließlich Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis sowie eine begleitende Supervision, da andernfalls mittels Projektion und Identifikation vor allem die Probleme des Beraters zum Gegenstand der Beratung werden können. Wesentlich ist schließlich auch die Beschränkung der Beratung auf definierte und begrenzte Ziele." (LTT, Seite 48)

1.1 Trauer

"Trauer ist eine Form der Reaktion auf einen Personenverlust oder einen Objektverlust. Sigmund Freud betonte 1915 den besonderen Unterschied zwischen normaler Trauer und pathologischer Trauer (wobei der Trauernde sich meist schuldig sieht am Verlust und damit bedroht) und der Melancholie (als Identifikation des Ich mit dem verlorenen Objekt). Die Trauer tendiert auf Überwindung." (Dorsch, Psychologisches Wörterbuch)

1.2 Trauerarbeit

"Trauerarbeit ist ein von Sigmund Freud 1915 eingeführter Ausdruck zum Verständnis des psychologischen Phänomens, daß mit jeder Trauer die Tendenz auf Milderung des Schmerzes (im Verlust) einhergeht.

Laplanche bezeichnet sie 1971 als intrapsychischen Vorgang, der auf den Verlust eines Beziehungsobjektes folgt und wodurch es dem Subjekt gelingt, sich progressiv von diesem abzulösen." (Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 1994)

Trauerarbeit in dieser Erinnerungshilfe umschreibt die Zusammenarbeit von Psychoberater und Klient. Ihre Aktivitäten führen die Klienten zu produktiven Trauerprozessen. Ich wende mich in diesem Zusammenhang gegen Abhängigkeiten zwischen Berater und Klient, die in einer dem Klienten abträglichen Weise zur unnötigen Verlängerung der Beratung führen. Der Berater ist erfolgreich, der vergißt, daß er Berater ist. Der Klient trauert erfolgreich, der dies zunehmend ohne seinen Berater tut.

Aus Gründen der sprachlichen Gewohnheit verzichte ich auf Kunstbegriffe wie LeserIn oder BeraterIn, er/sie, ihm/ihr. Ich liebe bei Frauen wie bei Männern gleichermaßen genügend Mündigkeit und Autonomie, auch ohne solche Kunstbegriffe auszukommen. Mir ist schmerzlich bewußt, wie durch geschlechtsspezifische Ausdrücke Denkstrukturen entstanden sind, die männerlastigen und kopflastigen Machtformen schon auf der Ebene des unbewußten Denkens den Boden bereitet haben.

Ferner hat es mir gefallen, das Wort "Psychoberater" zu benutzen anstelle von "Psychologischer Berater". Oder sagen Sie auch Psychologischer Therapeut oder gar Heilender Praktiker? Wenn wir Psychotherapeut sagen dürfen, dann bitteschön auch Psychoberater. Schließlich handelt es sich um einen freien Beruf.


1.3 Ihre Position

Dr. Wolfgang Rechtien weist wohlbegründet darauf hin, daß die Basisausbildung zum Psychologischen Berater wie zum Beispiel ein "Fernlehrgang in keiner Weise ein Ersatz für ein Studium der Psychologie sein kann und nicht in gleicher oder ähnlicher Weise zu einer professionell psychologischen Berufsausübung qualifiziert wie ein universitäres Studium." Er motiviert Studierende: "Davon unabhängig werden Sie aber aufgrund Ihres fundierten Überblickes in die Lage versetzt, bei psychologischen Problemen helfend bzw. unterstützend tätig zu werden." Der Erwerb zusätzlicher praktischer Fähigkeiten wird empfohlen (Dr. Wolfgang Rechtien, Studienbrief 1 "Psychologischer Berater", Seite 4).

Es erscheint daher angemessen, die Position von Psychoberatern in diesem Sachzusammenhang zwischen professionellen Psychotherapeuten anzusiedeln, die auf Beratung und Behandlung von Trauernden spezialisiert sind und sozial engagierten Personen mit Trauererfahrung.

Möglichkeiten

"Aus einer Untersuchung über die Reaktion israelischer Soldatenwitwen auf unterschiedliche Hilfsangebote, zu denen auch informelle Hilfen aus Familie und sozialem Umfeld zählen, konnte Malkinson (1987) einige Hinweise auf allgemeine Bedingungen für Hilfen und Interventionen bei Trauernden gewinnen. ... In der Untersuchungsgruppe von 51 Witwen ergaben sich Unzufriedenheit und Probleme vor allem daraus, daß emotionale Interaktionen – meist in ihrer Familie, ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis, daß heißt nicht-professionelle Angebote – als nicht angemessen und als nicht-hilfreich erlebt wurden, sondern zusätzlich Leid verursachten oder als ärgerlich und nicht passend erlebt wurden." (LTT Seite 55f).

Um nicht den Eindruck zu erwecken, zu erfolgreicher Trauerarbeit anzuleiten, sei Hochschulabsolventen und erfahrenen Therapeuten vorbehalten, verweise ich auf Schlußfolgerungen, zu denen M. J. Horowitz und Mitarbeiter 1984 kamen: "Für unterschiedliche Therapieansätze konnten keine signifikant verschiedenen Therapieerfolge bei der Arbeit mit Trauernden nachgewiesen werden ... .

... Die Trauer ist ein zu komplexes psychisches Geschehen, das zudem bei verschiedenen Menschen in jeweils stark unterschiedlichen Formen auftreten kann, um allgemeingültige Entscheidungen über ‚richtige‘ oder ‚falsche‘ Therapieansätze zuzulassen." (LTT Seite 46f).

Wichtig bleibt, daß ein enorm großer Bedarf an Beratung besteht. Die oft vorhandene Tabuisierung des Todes schon zu Lebzeiten trägt in sich den Keim zu unvollständiger Trauerarbeit. Als Psychoberater bietet sich Ihnen die Gelegenheit, vielen Trauernden erfolgreich aus Isolation und Ausgrenzung herauszuhelfen, was dankbar angenommen wird.

Die Auswertungen der Essener Trauerberatungsstelle enthalten schon 1994 folgende weitreichenden Feststellungen zu durchgreifenden Verbesserungen in allen Symptomen von Trauernden, die um Hilfe gebeten haben:

"Vor allem die häufig das gesamte Alltagsleben der Klienten bestimmenden depressiven Gefühle ließen stark nach, die gedrückte und traurige Stimmung zeigte sich nach einigen Therapiesitzungen als deutlich aufgehellt. Nervöse Symptome wie Unruhe, Konzentrations- und Schlafstörungen gingen stark zurück, und die meisten Klienten fanden wieder Möglichkeiten für einen erholsamen Schlaf. Auch die vielfältigen psychosomatischen Beschwerden gingen stark zurück, der bei vielen Klienten zu beobachtende (erhöhte) Medikamenten- und Alkoholkonsum wurde eindeutig reduziert.

Alle Verbesserungen können dahingehend interpretiert werden, daß die Trauernden im Verlaufe des Therapieprozesses mit ihrer Trauer immer angemessener umzugehen lernten. Sie fanden ihren eigenen, persönlichen Weg, mit ihrer Trauer zu leben. Keiner der Klienten behauptete schließlich nach der Therapie, keine Trauer mehr zu empfinden; das vorherrschende Gefühl war vielmehr das einer erweiterten Kompetenz sowie die zuversichtliche Einstellung, nach Abschluß der Therapie wieder selbständig die eigene Trauer verarbeiten zu können.

Die Klienten der Trauerberatungsstelle waren nach der Therapie nicht weniger traurig als andere Trauernde, die keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen hatten. Sie fühlten sich aber durch die Therapie in die Lage versetzt, angemessen und kompetent mit ihrer neuen Lebenssituation umzugehen, sie hatten ein vertieftes Verständnis ihrer eigenen Trauerprozesse erreicht, was ihnen die meist starke Angst vor befremdlichen Ereignissen während der Trauer genommen hatte, und sie sahen wieder neue Lebensperspektiven, was ihrer Trauer viel von dem zuvor vorherrschenden Schrecken der Ausweglosigkeit nahm.

Die Aussage, daß Trauernde nicht mehr so traurig seien, greift daher zu kurz. Zutreffender ist, daß sie aufgrund einer Veränderung ihrer psychischen Verarbeitungsfähigkeit besser gelernt haben, mit dieser traumatischen Lebenskrise umzugehen. Was früher das ‚Wir‘ der sozialen Gemeinschaft leistete, muß nun das ‚Ich‘ des einzelnen Trauernden leisten. Die Trauertherapie setzt Trauernde, die an dieser Aufgabe scheitern, in die Lage, dies zu bewältigen.

Zusammengefaßt: Trauertherapie soll nicht die Trauer nehmen, sondern sie versucht, die Lebenskrise und den Übergang in ein anderes Leben ohne den verlorenen Partner während der Trauer zu begleiten und zu erleichtern sowie zu verhindern, daß sie zu ernsten Erkrankungen führen." (LTT Seite 69f).

Es gibt demnach gute Gründe, daß nicht nur Psychotherapeuten mit Hochschulbildung, sondern auch Psychoberater sich der Trauerbegleitung widmen.

Grenzen

Geschieht schon die Trauerbegleitung durch einen Psychotherapeuten nicht mit dem Anspruch, eine vollständige Psychotherapie durchzuführen, so gilt das für Psychoberater um so mehr, auch dann, wenn diese nach dem Heilpraktikergesetz Ihre Qualifikation für das Therapieren nachgewiesen haben. Letztere stoßen eher an Grenzen, die ihnen schon durch ihre Ausbildung allein gesetzt sind. Individuelle Grenzen, die durch Erfahrungen mit Klienten und durch eine sorgfältige Supervision weiter gesteckt werden, führen den verantwortungsbewußten Psychoberater dahin, den Umfang seiner Kompetenz immer deutlicher zu erkennen und sich nicht zu überfordern.

Weniger Quantität und mehr Qualität in den Trauerbegleitungen führen den Psychoberater letztendlich zu mehr finanziellem Erfolg, als seine Neigung, jeden Klienten, der zu ihm findet, über einen längeren Zeitraum hinweg zu beraten. Ausbleibende Erfolge machen beide Seiten unzufrieden, es spricht sich herum und der Berater ist kaum in der Lage, die Grenzen seiner Kompetenz auszuweiten, wie es im Interesse zukünftiger Klienten geschehen soll.

Ziele

Erste Hilfe und Krisenintervention nach dem Verlust durch Tod sind Anlaß für den Beginn der Beziehung Klient – Berater. Erfolgreiche Trauerarbeit und eine sorgfältige Trauerbegleitung durch Psychoberater bedeuten Achtsamkeit auf einige wichtige Ziele, die immer gegenwärtig sein müssen.

Der Klient trauert. Der Berater begleitet. Der Berater führt an die Erfahrung des Schmerzes heran. Der Klient lernt, daß eine gegenwärtige Rückkehr des Verstorbenen nicht erfolgt. Der Berater ist offen für den Klienten, trennt aber sein Leben von dem des Klienten, um den Erfolg der Beratung sicherzustellen. Der Klient erlebt an sich, wann die Begleitung ihn zu einer erfolgreichen Trauerarbeit geführt hat, die er selbständig fortsetzt.

Eine besondere Herausforderung ist es, Menschen zu erkennen, deren Trauerprozess blockiert ist. Es gibt einige Hinweise: maskenhaft starre Gesichtszüge, abstrakte, gefaßte oder gefühllose Sprechweise sowie psychosomatische und psychische Symptomatik unterschiedlichster Art und Ausprägung, ausgelaugt sein oder "Burn-Out".

Ordnen Sie all Ihre Einzelaktionen solch übergeordneten Zielen unter. Dann steht Ihrer erfolgreichen Trauerbegleitung nichts im Wege. Ihre Klienten werden Sie mit großer Wertschätzung weiterempfehlen, weil sie mit Ihrer Hilfe zu einer erfolgreichen Trauerarbeit gefunden haben.


2. Symptome von Trauernden

Ab hier beginnt "Ihre" Erinnerungshilfe, die Sie sicherlich durch Notizen ergänzen werden. Die "Ichform" in der zeitlichen Gegenwart dient als Vorlage zum unmittelbaren Zugang in die Gedankenwelt Ihrer Klienten. Ich formuliere so, als spräche der Trauernde mit sich selbst.

2.1 Erste Reaktionen

Ich bin schockiert. Ich möchte ihren Tod am liebsten verdrängen. Ich fühle mich wie betäubt. Ich fühle mich schuldig an ihrem Tod. Ich bin zornig, daß sie mich verlassen hat.

2.2 Akute Trauer

Ich erinnere mich nicht, was ich gestern getan habe. Diese Schlaflosigkeit macht mich wahnsinnig. Ich fühle mich antriebslos. Meine Stimmungen schwanken ganz unvermittelt. Ich kann nicht beurteilen, wie ich entscheiden soll. Ich weiß nicht, was richtig und was falsch ist. Der Boden unter meinen Füßen ist weg. Egal was ich tue, ich fühle mich schlecht.

Beim Weinen verkrampfe ich mich. Ich bin enttäuscht, kann nichts verstehen. Meine Eßgewohnheiten sind gestört. Mir ist egal, was die anderen tun. Ich bin sauer auf sie! Ich sehe sie vor mir stehen. Wir sprechen miteinander. Ich sage ihr, wie leid es mir tut, daß ich nicht bei ihr war, als sie starb. Ich habe von ihr geträumt. Es ist so schön, sie zu erleben.

2.3 Späte Reaktionen

Ich bin sehr, sehr traurig. Ich sehne mich nach ihr. Es ist wie gestern. Ich erinnere mich genau, wie schön es mit ihr ist.


3. Die Trauerarbeit gestalten

Meine Trauerarbeit verhindert Gefühlsstaus. Ich brauche den schmerzlichen Verlust nicht zu verdrängen. Ich muß weinen, fühle einen riesigen Schmerz in mir. Ich finde individuelle Ausdrucksmöglichkeiten und nutze sie. Was andere davon halten, ist unwichtig. Mein Berater nimmt das alles ernst. Mit ihm kann ich über alles sprechen.

3.1 Reden

Mein Berater ist geduldig. Er fühlt mit mir, weil er selbst getrauert hat. Das Beispiel anderer, die einen vergleichbaren Verlust erlitten haben, hilft mir, Trauerarbeit zu leisten und ohne psychische Schäden die akute Trauer zu durchleben.

3.2 Schreiben

Ich schreibe über meine Empfindungen. Einige Tage später lese ich den Text. Das erleichtert mich. (Künstler fühlen sich manchmal motiviert, ein Gedicht zu schreiben, Musik zu komponieren oder ein Bild zu malen.)

3.3 Weinen

Ich weine, wann immer und wo immer ich will. Das unterstützt meine Trauer wesentlich. Dies ist eine überlieferte menschliche Erfahrung, die keines Beweises aus einem Untersuchungslabor bedarf. Ich profitiere, wenn ich unabhängig von der Situation meinen Tränen freien Lauf lasse. Damit gewinne ich viel, auch wenn ich manchmal zögere, lauthals zu schluchzen.

3.4 Schuldgefühle

Ihr Lebenslauf, der zum Tod führte, läßt mich fragen: Warum habe ich es nicht verhindert? Ich denke darüber nach und verstehe, daß ich wenig Einfluß auf ihre Lebensweise hatte, begrenzten Einfluß auf die Ereignisse, die zu dem Unfall führten. Ich habe auch keinen Einfluß auf meine eigenen unbewußten Fehlleistungen, die ich jeden Tag erbringe.

3.4 Zorn

Der Tod ist etwas so Absolutes! Ich bin so zornig, daß ich am liebsten etwas zerschlagen möchte! Die Spannung läßt allmählich nach. Ich mache mir bewußt, daß ich zornig bin. Für meinen Zorn gibt es viele Gründe. Ich habe die Freiheit, aus dem, was in der Vergangenheit geschah zu lernen. Heute treffe ich ganz bewußt eine Entscheidung, die sich auf meine Zukunft auswirkt. Es ist nicht notwendig, aus meinem Zorn heraus Personen zu schädigen oder Sachen zu zerstören.


4. Die Trauerarbeit bewältigen

4.1 Freunde

Meine Freunde unterstützen mich durch ihr Mitgefühl, auch wenn sie nicht immer das passende sagen oder tun.

4.2 Gesundheit

Meine Gesundheit ist jetzt sehr wichtig, um die Trauerarbeit erfolgreich zu leisten. Daher achte ich bewußt auf meine Bedürfnisse nach Ruhe und Schlaf, körpergerechter Ernährung und Muskelbetätigung. Mein Berater erinnert mich daran.

4.3 Entscheidungen

Entscheidungen werde ich nicht überstürzt vornehmen, weil unterschiedliche Stimmungen auch zu unterschiedlichen Entscheidungen führen können. Dies betrifft zum Beispiel die Gegenstände, die ihr gehörten oder von ihr benutzt wurden.

4.4 Geduld

Geduld mit mir selbst ist wichtig. Meine Trauer gehört zu meinem Alltagsleben. Auch nach meiner akuten Trauer wird es immer wieder Erinnerungen und Gedankenverbindungen an sie geben. Dann werde ich trauern.

4.5 Drogen

Drogen wie Pharmazeutika, Alkohol oder Nikotin verdrängen nur kurzzeitig meine Schmerzen, behindern aber meine Trauerarbeit, weil sie mich geistig und körperlich zusätzlich belasten und mich erhebliche Kraft kosten. Phasen von Lebensfreude und Lebenslust kehren nach dem Gebrauch von Drogen später und verkürzt zurück. Ich beschleunige durch sie außerdem meinen körperlichen und geistigen Zerfall.

4.6 Alltagsleben

Ich erinnere mich, wie ich vor ihrem Tod gelebt habe. Ich verknüpfe diese Zeit mit heute. Meine bisherigen Gewohnheiten helfen mir, die jetzt neue und andere Lebenssituation wahrzunehmen und zu gestalten. Es ist wie ein Training: Zunächst kostet es mich Überwindung und Kraft, doch allmählich verschafft es mir erneute Befriedigung und wiedergewonnene Motivation.

4.7 Furcht

Furcht vor dem Urteil anderer verzögert den Ausklang meiner akuten Trauer. Gesellschaftliche Zwänge wie das Tragen schwarzer Kleidung oder das Zurschaustellen einer "Trauermiene" mißachten meine individuellen Bedürfnisse. Ich ignoriere diese Zwänge.

4.8 Sorge

Sorge darum, wie es weitergeht, trübt meinen Blick auf mein eigenes weiteres Leben. Es lähmt mich, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Ich will nicht in Depressionen abgleiten. Ich weiß: Nur unter größtem Energieaufwand kann ich mich daraus befreien.


5. Trauernden Erwachsenen helfen

5.1 Zuhören

Ich entscheide selbst, wann ich was und wie lange erzählen möchte. Es ist nicht zwingend notwendig, daß mein Berater Stellung nimmt oder das Gesagte bewertet.

5.2 Motivieren

Ich bin angenehm berührt, wenn ich an wahres und positives Geschehen erinnert werde. Ich nehme meine Trauergefühle an und leiste weiterhin Trauerarbeit. Mein Berater kann mir von anderen Menschen erzählen, die erfolgreich getrauert haben.

5.3 Verfügungsbereitschaft

Nach den formellen Trauerfeierlichkeiten kann es erschreckend ruhig und einsam werden. Ich brauche Hilfe auch Wochen, Monate und Jahre nach dem Todestag. Oft wird mir gar nicht bewußt, daß ich mir Hilfe wünsche. Dann tut sie mir um so mehr gut.

5.4 Initiative

Oft bin ich so verwirrt, daß ich nicht um Hilfe bitten kann. Wie schön, wenn mich jemand gut beobachtet, mich um Einverständnis bittet und dann auch handelt. Das können Besorgungen, Reinigungsarbeiten oder Reparaturen sein.

5.5 Gastfreundschaft

Wenn Tag und Uhrzeit einigermaßen passen, freue ich mich über eine Einladung. Oft zögere ich aus Angst vor unbeherrschbaren Reaktionen. Dann brauche ich sanften Druck, mich dem auszusetzen und die Einladung anzunehmen.

5.6 Briefe

Schon wenige persönliche Worte, die Anteilnahme ausdrücken, wirken anders auf mich als eine Umarmung oder ein gesprochenes Wort. Geschriebenes kann ich immer wieder nachlesen. Es entfaltet erst dadurch seinen Wert auf Dauer.


6. Trauernden Kindern helfen

6.1 Erklärungen

Einfache wahre Worte geben mir die Chance, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Wenn ich etwas nicht weiß, frage ich. Meine Fragen machen deutlich, wie viel ich verstehen kann. Märchen und Lügen dagegen machen mich sauer und hilflos.

6.2 Bestattungen, Trauerfeiern

Ich entscheide, ob ich dabei sein möchte oder nicht. Ich mag keinen Zwang. Wenn ich dabei bin, mag ich jemand, der mir erzählt, was geschieht und warum. Ich möchte jederzeit weggehen können.

6.3 Anteilnahme

Ich habe ein Recht darauf, an der Trauer von Erwachsenen anteilzunehmen. Ich fühle mich ausgeschlossen, wenn sich jemand "beherrscht" oder seine Trauerarbeit vor mir verbirgt.


7. Fallgruben umgehen

7.1 Gemiedene Trauernde

Niemand braucht Furcht zu haben, etwas Falsches zu tun oder zu sagen. Allein die Anwesenheit eines Menschen genügt mir, auch wenn er nicht weiß, wie er ein freundliches Wort oder eine kleine Aufmerksamkeit anbringen kann.

7.2 Behinderte Trauerarbeit

Mitgefühl hilft mir, während es niemandem zusteht, mich zu bedrängen, wie ich empfinden und reagieren soll.

7.3 Manipulierte Entscheidungen

Im Ablöseprozeß vom Verstorbenen bestimme ich selbst, wann ich mich von Gegenständen trenne, die rational gesehen nicht mehr notwendig sind.

7.4 Ersatzangebote

Eine Beziehung zu einem anderen Menschen ist kein Ausgleich für meinen erlittenen Verlust. Ob Ehepartner oder Eltern, Ungeborenes oder Kind – es ist immer ein schmerzlicher Verlust.

7.5 Ignoranz Verstorbener

Da sie Teil meines bisherigen Lebens bleibt, ist es geradezu schädlich, wenn andere die Erinnerung an sie in Gesprächen oder Briefen ausklammern. In Gesprächen über sie bin ich dankbar, wenn mich jemand an Wahres und Positives erinnert.

7.6 Bewertungen

An ihrem Tod kann ich nichts Positives entdecken. Solche Behauptungen verursachen mir zusätzlichen Schmerz. So wie ich unabhängig von meiner Lebensqualität an meinem Leben hänge, so schmerzt mich auch der Verlust meiner Partnerin. Äußerungen wie "Es ist besser so!" oder "Jetzt ist sie von ihrem Leiden erlöst!" oder "Endlich hat sie Frieden!" sind fehl am Platz. So etwas macht mich zornig, manchmal auch aggressiv.

7.7 Vorgaukeltes Verständnis

Meine Trauer ist und bleibt individuell. Niemand kann behaupten: "Ich weiß, wie du fühlst!". Andere können darüber sprechen, wie sie fühlen. Ich vergleiche selbst und schlußfolgere selbst.


8. Trauerarbeit im sozialen Umfeld

Anscheinend gibt es mehr Widerstände gegen die Akzeptanz von Trauerarbeit als Unterstützung, Trauerarbeit zu leisten. Trauerarbeit ist für alle Menschen lebenswichtig, für Kinder genauso wie für Frauen und ganz besonders für Männer, denen im allgemeinen kein ausgeprägtes Gefühlsleben zugestanden wird. Ein "Mensch", der auf konkrete soziale Funktionen reduziert lebt und keinen Raum schafft, Tabuthemen wie den Tod anzugehen, darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann krank wird, weil er seine menschliche Natur ignoriert.

Mit dem Tod unzähliger Menschen versuchen uns die Medien täglich zu konfrontieren. Doch all die Leichname sind weit weg und die schrecklichen Bilder haben etwas Unwirkliches. Ganz anders reagieren wir, wenn wir in unserem unmittelbaren sozialen Umfeld einen Menschen verlieren. Lassen wir dann Trauer und Schmerz zu? Leisten wir bereitwillig Trauerarbeit?

Wir sind noch lange nicht hypersensibel oder wehleidig, nur weil wir weinen. Immer wieder glauben Trauernde auch, verrückt zu sein, weil sie den Anforderungen ihres sozialen Umfeldes nicht entsprechen. Ein Umdenken ist im Interesse aller Menschen erstrebenswert. Jährlich sterben in Deutschland etwa 850.000 Menschen. Die Anzahl der Trauernden ist wahrscheinlich höher. Dazu eine Modellrechnung: Ein Mensch, der sich zu seiner Trauerarbeit bekennt und sie erfolgreich leistet, gibt damit fünf anderen ein Vorbild: Diese fünf beeinflussen jeweils fünf und so weiter.

Innerhalb von wenigen Jahren lassen sich 25, 125, 625 und mehr Menschen zählen, die erfolgreich trauern. All dies geschieht gleichzeitig tausende von Malen im ganzen Land und löst allmählich die Tabuisierung und Verurteilung von Trauerarbeit in unserer Gesellschaftsordnung auf. Dazu trägt diese Abhandlung bei.

Trauerarbeit ist uns auferlegt durch den Tod. Es ist die gemeinsame Verantwortung von uns Lebenden, die damit verbundenen Prozesse zu begleiten und zu stützen. So tragen wir am ehesten dazu bei, das weitere Leben zu bewältigen, Lebensfreude zu wecken und Lebenslust zu bewahren.


Bibliographie

Dorsch, 1994, Psychologisches Wörterbuch

Horowitz, M. J. et. al., 1984, Brief psychotherapy of breavement reactions. Archives of General Psychiatry 41, Seiten 438 - 448

Jerneizig, Langenmayr, Schubert, 1994, Leitfaden zur Trauertherapie und Trauerberatung, 124 Seiten

Malkinson, R., 1987, Helping and being helped: The support paradox. Death studies 11, Seiten 205 - 209

nicht genannt, 1994, Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist

Raphael, B., 1975, The management of pathological grief. Australian and New Zealand Journal of Psychiatry 9, Seiten 193 - 180

Rechtien, Studienbrief 1 "Psychologischer Berater" der Akademie für alternative Lebens- und Heilweisen, Haan, Seite 4

Vukovich, 1974, Dölles linguistische Durchbrüche, Herausgeber Th. Hermann, Dichtotomie und Duplizität, Ernst August, Dölle zum Gedächtnis, Seiten 165 - 183

Worden, Beratung und Therapie in Trauerfällen

Verfasser:
Hans-Georg Kolpak, Psychoberater und Autor 

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